Vom Winden vor Winden
Mit viel linguistischem Interesse habe ich vor kurzem einen populärwissenschaftlichen Artikel von Schubert (2026) gelesen, der von einer Forschungsgruppe handelt, der es gelungen war, die täglichen _Blähungen_ von Menschen viel genauer als zuvor zu messen (Botasini et al. 2025). Dieser Gruppe war es gelungen, einen spezifischen Unterhoseneinsatz zu konstruieren, welcher sich als _smart wearable_ via Bluetooth mit dem Smartphone verbinden kann und in der Lage ist, exakt zu messen, _wie oft_ , _wann_ und _wie stark_ die Person, die den Einsatz trägt, im Laufe eines Tages _Blähungen_ hat. Das Ergebnis von Teststudien mit Probanden zeigte darüber hinaus, dass die Zahlen sich wohl in Bezug auf die durchschnittliche Blähungsfrequenz als auch in Bezug auf die individuelle Variation dieser Frequenz stark von den Zahlen unterscheiden, die zuvor auf Basis von einfachen Umfragen erzielt worden waren. Hierzu schreibt Schubert (2026):
> Die erstaunlich großen Diskrepanzen zu älteren Angaben rühren zum Teil daher, dass sich frühere Untersuchungen oft auf Selbstauskünfte stützten. Diese sind jedoch durch Aufmerksamkeits- und Erinnerungslücken der Probanden, fehlerhafte Angaben sowie die Schwierigkeit, sich während des Schlafs selbst zu beobachten, beeinträchtigt. Zudem haben Menschen sehr unterschiedliche Eigenwahrnehmungen ihrer Körperfunktionen. (Schubert 2026: Absatz 5)
Das Problem mit der Selbstauskunft ließ mich aus zwei Gründen aufmerken. Zum einen gibt es auch in der Linguistik bestimmte Datensammlungen, die fast ausschließlich auf Selbstauskünfte beruhen. Dazu gehören zum Beispiel das _Erwerbsalter_ von Wörtern (Łuniewska et al. 2019), oder Versprechersammlungen (Poulisse 1999, 6). Zum anderen fiel mir auf, dass sowohl der Artikel von Schubert als auch die Studie von Botasini et al. nahezu _krampfhaft_ zu versuchen scheinen, die Angelegenheit, um die es geht, _nicht_ bei ihrem kolloquialen Namen zu nennen. Sie winden sich regelrecht davor, auszusprechen, dass es um _Blähungen_ , oder um es noch deutlicher zu sagen, ums _Furzen_ geht. So nimmt Schubert Ausflucht zum Wort _Darmwind_ , das ich bis dahin noch nie gehört hatte, während Botasini et al. den lateinischen _Flatus_ zu Hilfe nehmen, um die _metabolischen Dynamiken_ (“metabolic dynamics”) _mikrobieller Gemeinschaften_ (“metabolic communities”) im menschlichen Darm zu umschreiben.
Natürlich ist mir klar, dass man im wissenschaftlichen Kontext Wörter wie _Furz_ , _Pups_ oder im Englischen _fart_ , oder _toot_ lieber vermeidet. Man hat Angst, dass die sicherlich ernst gemeinte Forschungsabsicht Schaden nehmen könnte, wenn man offen schreibt, dass man sich wissenschaftlich mit der _Furzfrequenz_ von Menschen beschäftigt und dazu einen smarten _Schlüpfer_ konstruiert hat, mit dessen Hilfe man _Pupshäufigkeit_ und _Furzstärke_ endlich wissenschaftlich untersuchen kann. Dass man dabei noch herausgefunden hat, dass Menschen regelmäßig untertreiben, wenn man sie fragt, wie oft sie pro Tag einen fahren lassen, macht die Situation für die Autoren nicht einfacher.
Interessant scheint mir in dem Zusammenhang aber schon zu sein, dass im Artikel von Schubert nicht mal von _Blähungen_ die Rede ist, obwohl der Ausdruck eigentlich nicht tabuisiert sein sollte, zumal er etymologisch mit dem Lateinischen _flatus_ verwandt ist. Denn sowohl das deutsche Verb _blähen_ als auch das lateinische Verb _flare_ (aus dem der _flatus_ abgeleitet ist) gehen — zumindest laut Pfeifer (1993) — auf die indogermanische Wurzel *_bʰel_ – zurück, die wohl so viel wie “aufblasen” oder “anschwellen” bedeutete (vgl. Pfeifer 1993 im DWDS s. V. “blähen”).
Aber auch das deutsche Verb _furzen_ und das englische Verb _to fart_ liegen nicht so weit entfernt von dieser Wurzel. Beide Wörter gehen auf die indogermanische Wurzel *perd- zurück, die wohl schon damals “furzen” bedeutete und in recht ähnlicher Form im Altindischen (Sanskrit _párdatē_), Griechischen (Altgriechisch _pérdesthai_ , πέρδεσθαι) und Russischen (_perdét’_ , пердеть) erhalten geblieben zu sein scheint (Pfeider 1993 im DWDS s. v. “Furz”).
Im Lateinischen gibt es neben _flatus_ noch eine weitere Form, nämlich das Verb _pedere_ “furzen” oder seine nominalisierte Variante _peditum_ “Furz”, die in vielen romanischen Sprachen weiterlebt (vgl. Spanisch _pedo_ “Furz” oder Französisch _pet_ “Furz”) und wohl auf die indogermanische Wurzel *_pesd_ – “furzen” zurückgeht (Vaan 2008, p. 454f).
Was mich an diesen Formen schon immer gewundert hat, ist, dass sie einander doch eigentlich recht ähnlich sind. Denn wenn die Rekonstruktionen, die ich genannt habe, alle so stimmen, dann hatte man im indogermanischen mindestens drei Verben, mit deren Hilfe man auf das Freilassen von Darmwinden verweisen konnte, die alle sehr ähnlich klangen, aber doch mit aller Ernsthaftigkeit unterschiedlich rekonstruiert werden. Da haben wir *_bʰel_ -, welches allgemein mit der Bedeutung “aufblasen” rekonstruiert wird, aber im engeren Sinne von “Blähungen ablassen” gebraucht wurde, und dazu kommen dann noch *perd- und *pesd-, welche wohl beide ausschließlich auf das Ablassen von Darmwinden referierten.
Es fällt dabei auf, dass alle drei indogermanischen Wurzeln mit einem bilabialen Laut beginnen, dazu weisen zwei von drei Wurzeln einen liquiden Laut ([r] oder [l]) auf. Wenn man hierzu das Chinesische Wort _pì_ 屁 “Furz” hinzufügt, und sich in Erinnerung ruft, dass das Chinesische mit dem Indogermanischen in keiner bekannten Form verwandt war, dann wird deutlich, dass es sich wohl in allen Fällen um _lautmalerische_ Verbindungen handelt.
Ähnlich wie bei Wörtern wie _Mama_ und _Papa_ , die in vielen Sprachen ähnlich klingen und auch die gleiche Bedeutung haben (Jakobson 1960; List et al. 2022), scheint also auch der _Darmwind_ einer Tendenz zur einheitlichen Versprachlichung zu unterliegen. Es läuft auf einen _bilabialen Plosiv_ hinaus, dem ein _flatternder Sonorant_ folgen kann, um wirklich alle Missverständnisse auszuräumen, welchen prägnanten Laut, der die Menschen seit jeher begleitet, das jeweilige Wort versprachlichen soll.
Ob es angesichts dieser Vielzahl von beobachtbaren Tendenzen, das Wort hinter Schuberts _Darmwind_ mit Hilfe eines bilabialen Lauts, dem ein flatternder liquider Laut oder Sonorant folgt, auszudrücken, allerdings Sinn macht, die möglichen Ursprungslautungen allesamt in einem separaten Eintrag im etymologischen Wörterbuch abzulegen, scheint mir dann doch etwas fraglich zu sein.
Viel sinnvoller wäre es wohl, wenn sich die historische Sprachwissenschaft endlich mal explizit mit Lautmalerei und vor allem auch Zufallsähnlichkeiten auseinandersetzen würde. Denn da das Inventar, mit dem wir Wörter in den Sprachen der Welt, die gesprochen werden, gestalten, in allen Fällen relativ begrenzt ist, sind auch die Möglichkeiten, sich auszudrücken oder bestimmte Dinge zu benennen, dieser Begrenzung unterworfen. Eine explizite Auseinandersetzung mit den möglichen Kandidaten, also den Konzepten, die eine hohe Wahrscheinlichkeit aufweisen, in ihrer Entwicklung durch Lautmalerei beeinflusst worden zu sein, würde helfen, zu vermeiden, dass etymologische Wörterbücher immer weiter aufgebläht werden, weil auch der letzte _Pups_ in ihnen mit einem speziellen Eintrag gewürdigt wird.
Dass man die gesellschaftlich tabuisierten Wörter in journalistischen oder wissenschaftlichen Texten meidet, auch um vorzubeugen, am Ende nicht wirklich ernst genommen zu werden, kann ich natürlich gut nachvollziehen. Dass auch die Wörter, auf die man am Ende zurückgreift, um ihre tabuisierten Geschwister zu ersetzen, am Ende meist den ersetzten Wörtern gar nicht so unähnlich klingen, ist dabei eine Ironie des Schicksals, die ich persönlich recht amüsant finde.
## Literatur
Botasini, Santiago, David Zhan, Norman Fischer, Charlotte T. Ravel, Ashley Tien, Maggie R. Grant, Glory Minabou Ndjite, et al. 2025. Smart Underwear: A novel wearable for long-term monitoring of gut microbial gas production via flatus._Biosensors and Bioelectronics: X_ 27 (December): 1–8. https://doi.org/10.1016/j.biosx.2025.100699.
Jakobson, Roman. 1960. “Why ‘Mama’ and ‘Papa’?” In: Kaplan, Bernard and Wapner, Seymour (Eds.) _Perspectives in psychological theory: Essays in honor of Heinz Werner_ International Universities Press: New York. 124-134.
List, Johann-Mattis, Robert Forkel, Simon J. Greenhill, Christoph Rzymski, Johannes Englisch, and Russell D. Gray (2022): Lexibank, A public repository of standardized wordlists with computed phonological and lexical features. _Scientific Data_ 9.316. 1-31. https://doi.org/10.1038/s41597-022-01432-0
Łuniewska, Magdalena, Zofia Wodniecka, Carol A. Miller, Filip Smolík, Morna Butcher, Vasiliki Chondrogianni, Edith Kouba Hreich, et al. 2019. Age of acquisition of 299 Words in seven languages: American English, Czech, Gaelic, Lebanese Arabic, Malay, Persian and Western Armenian. _PLoS One_ 14 (8): 1–19. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0220611.
Pfeifer, Wolfgang. 1993. _Etymologisches Wörterbuch des Deutschen_. 2nd ed. Berlin: Akademie. Online abrufbar: http://www.dwds.de/.
Poulisse, Nanda. 1999. _Slips of the tongue: Speech errors in first and second language production_. Studies in Bilingualism. John Benjamins.
Schubert, Frank. 2026. “32 Darmwinde pro Tag sind normal.” _Spektrum Der Wissenschaft Online_ 2026 (2). https://www.spektrum.de/news/physiologie-32-darmwinde-taeglich-sind-normal/2309452.
Vaan, Michiel, ed. 2008. _Etymological dictionary of Latin and the other Italic Languages_. Leiden Indo-European Etymological Dictionary Series 7. Leiden; Boston: Brill.
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Johann-Mattis List (14. Februar 2026). Vom Winden vor Winden. _Von Wörtern und Bäumen_. Abgerufen am 14. Februar 2026 von https://doi.org/10.58079/15oxl
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