Sexualität im Mittelalter.
(Inhaltswarnung: Dieser Blogpost beschäftigt sich mit dem Thema Sexualität. Er wird offen und ohne Zensur über dieses Thema reden. Er ist daher nicht für Kinder geeignet. Lesende, denen diese Themen unangenehm sind, können nun eine informierte Entscheidung treffen, ob sie weiterlesen möchten oder nicht.)
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Wenn man die meisten Menschen heute fragen würde, wie die Menschen im europäischen Mittelalter ihrer Meinung nach zu Sex und Sexualität eingestellt waren, werden die Antworten vermutlich sehr viel mit dem Bild heutiger reaktionärer christlicher Sexualmoral zu tun haben.
Völlige Körper-, Sex- und Spaßfeindlichkeit. Sex ausschließlich als Mittel der Fortpflanzung. Homosexualität als furchtbare Sünde. Und Transgeschlechtlichkeit als unaussprechliche Perversion.
Und dieses Bild ist nicht komplett * **falsch** *… aber es ist auch zu einfach und einseitig, um wirklich richtig zu sein.
Die mittelalterliche Gesellschaft war mehr, als nur die Lehren und Gebote der katholischen Kirche.
Und auch die katholische Kirche vor der Gegenreformation unterschied sich in vielen Punkten sehr von der katholischen Kirche heute (und natürlich noch mehr von heutigen Evangelikalen).
Vor Allem aber müssen wir uns, bevor wir einen vernünftigen und realistischen Blick auf das mittelalterliche Bild von Sexualität werfen können, von der verbreiteten Vorstellung befreien, das antike Rom und Griechenland seien sexuel freizügige und tolerante Gesellschaften gewesen, bis das Christentum seine bigotte Prüderie durchsetzte.
Im Gegenteil: Das christliche und damit das mittelalterliche Bild von Sexualität baut ganz massiv auf dem der vorchristlichen griechischen und römischen Antike auf.
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„Aktiv und Passiv“ statt „Hetero und Homo“ – das antike Konzept von Sexualität
Für die alten Griechen und Römer war Sex nichts, was zwei gleichwertige Partner miteinander taten, sondern etwas, was ein „aktiver“ Teilnehmer mit oder besser „an“ einem „passiven“ Teilnehmer tat.
Oder (man verzeihe mir den vulgären Ausdruck, aber dessen grammatikalische Form bringt es besser zur Geltung) zwei Menschen vögelten nicht miteinander, sondern ein „Passiver“ wurde von einem „Aktiven“ gevögelt.
Diese scharfe Trennung zwischen „aktiv“ und „passiv“ bestimmt das ganze antike greco-römische Verständnis von Sex.
Mit ihr ist ein klarer Unterschied in sozialem Rang und Autorität verbunden.
Und ein klarer Bezug zu den mit den Geschlechtern verbundenen Rollenbildern.
Der aktive Part war in dieser Vorstellung von Natur aus der des Höherrangigen, des Dominanten und damit eben auch des Mannes.
Der passive Part wurde von niederrangigen, unterwürfigen und aus damaliger patriarchaler Sicht deshalb eigentlich richtigerweise weiblichen Personen übernommen.
Ein Mann, der den passiven Part beim Sex spielte, gab in dieser Vorstellung seine Männlichkeit auf, verhielt sich weiblich und ordnete sich auf jeden Fall dem aktiven Part deutlich unter.
Deshalb war es aus greco-römischer Sicht weniger Schlimm, wenn der passive Part ein Sklave oder sonst jemand von bedeutend geringerem Rang war, als der Aktive.
Das war in dieser Vorstellung keine so große Erniedrigung, weil es ja den ohnehin schon bestehenden Machtverhältnissen entsprach.
Auch minderjährige Knaben, denen noch kein Bart wuchs, entehrten sich in dieser Sicht auf Sexualität nicht (oder zumindest nicht so sehr), wenn sie den passiven Part für einen sehr viel älteren und mächtigeren Mann spielten.
Vor Allem einen, dessen Autorität sie ohnehin schon unterstanden.
Etwa einem Lehrer oder Ausbilder.
Für einen Mann von höherem gesellschaftlichen Stand war die Unterstellung, er habe beim Sex mit einem anderen Mann von gleichem oder gar geringerem Rang den passiven Part eingenommen, als eine der schlimmstmöglichen Kränkungen.
Solche ehrenrührigen Behauptungen durch seine politischen Gegner sind etwa über Julius Caesar überliefert, der in einem Gedicht spöttisch als „Mann vieler Frauen und Frau vieler Männer“ bezeichnet wird.
Es ist hierbei wichtig zu betonen, dass diese Praktiken unter den genannten Umständen zwar als weit „weniger schlimm“ gesehen wurden, aber keineswegs gesellschaftlich voll akzeptiert und toleriert waren.
Sie wurden immer noch als Zeichen von Dekadenz, als eine Erniedrigung des passiven männlichen Teilnehmers und als ein Unrecht gegen diesen gesehen.
Beide Kulturen hatten nur weit weniger Probleme mit Unrecht und Erniedrigungen, die von denen ganz oben in der Gesellschaft an jenen ganz unten begangen wurden.
Es gab viele philosophische Strömungen, darunter die der Platoniker, die solche sexuellen Beziehungen scharf kritisierten und streng ablehnten.
An Platons Akademie galt ausdrücklich, dass kein Lehrer sexuelle Dienste von seinen Schülern verlangen durfte.
Und auch den Blick der Bibel auf Sexualität zwischen Männern müssen wir in diesem Kontext sehen, denn die Bibelstellen im alten wie im neuen Testament, die sich zu diesem Thema äußern, sind genau in einer Zeit verfasst worden, als Juden und Christen engen Kontakt mit der griechischen beziehungsweise römischen Kultur und ihren Sexualpraktiken hatten.
Das Verbot von Sex zwischen Männern wird von heutigen Religionswissenschaftlern mehrheitlich primär in dem gerade beschriebenen Kontext interpretiert:
Als ein Verbot, einen anderen Mann zu erniedrigen, seines Standes und seiner gesellschaftlichen Stellung als Mann zu berauben, indem man ihn den passiven Part beim Sex spielen ließ.
Das galt sowohl für den Mann, der in den passiven Part einwilligte, als auch für den aktiven Part als schwere Sünde.
Bitte nicht falsch verstehen: Man darf aus dieser Interpretation nicht schlussfolgern, dass die Autoren der Bibel eine homosexuelle Beziehung zwischen gleichberechtigten Partnern, bei der niemand erniedrigt wird, gutgeheißen hätten.
Hauptsächlich deshalb, weil eine solche Beziehung in ihrer Vorstellung von Sex schlicht und ergreifend nicht einmal als theoretische Möglichkeit existierte.
Gleichgeschlechtlicher Sex zwischen Frauen wird in den Quellen, die wir aus der Antike und dem Mittelalter haben, nur extrem selten überhaupt thematisiert.
Teilweise weil das Tabu größer war, über weibliche Sexualität überhaupt zu reden… vor Allem aber auch, weil Sex aus klassisch-greco-römischer wie auch aus mittelalterlich-christlicher Sicht zwingend die Penetration mit einem Penis benötigte, um Sex zu sein.
Andere Praktiken, die wir heute definitiv als Sex definieren würden, waren aus Sicht der Menschen damals zwar durchaus „unmoralisch“ und „schmuddelig“, aber kein „richtiger“ Sex.
So sind uns ernsthafte Strafen für Sex zwischen Frauen sowohl aus der Antike als auch aus dem Mittelalter quasi nur für Fälle bekannt, bei denen ein Strapon Dildo genutzt wurde (und ja, für sowas gibt es Belege), eine Frau also explizit die Rolle eines Mannes einnahm und sich damit die damit verbundene Autorität und den gesellschaftlichen Rang anmaßte.
So wie beim Fall von **Katherina** **Hetzeldorfer, die 1477 in Speyer deswegen vor Gericht stand.**
Aus dem selben Grund galt es aus greco-römischer antiker und auch noch aus mittelalterlicher Sicht als nicht weniger „widernatürlich“ wenn ein Mann beim Sex mit einer Frau unten lag oder sonst wie die Führung an sie abgab.
Sexualität ist in diesem Weltbild keine Orientierung, sie macht sich nicht primär daran fest, ob die Menschen, mit denen man Sex hat, ein anderes oder das gleiche Geschlecht haben, wie man selbst, sondern primär daran, ob man selbst sich der „Rolle“ entsprechend verhält, die dem eigenen biologischen Geschlecht von der Gesellschaft zugewiesen wird.
Und sie ist tief in deinem Patriarchalen Gesellschaftsmodell verankert, in dem Sexualität, Geschlechterrolle, Geschlechtsidentität und gesellschatflicher Rang und Status untrennbar miteinander verknüpft sind.
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„Am Besten gar nicht aber wenn, dann nur für die Fortpflanzung“
Das Christentum und der Platonismus.
Ich scherze oft darüber, dass das Christentum, wenn man es für fünf Minuten unbeaufsichtigt lässt, zum Neoplatonismus wird.
Und auch wenn das natürlich eine überspitzte und verkürzte Darstellung für einen Scherz ist, halte ich die Aussage auch nicht grundsätzlich für falsch.
In den Jahrhunderten nach Jesu Tod gab es eine sehr einflussreiche Strömung innerhalb der griechischen Philosophie, die auf Platons Lehren aufbauend eine dualistische Weltsicht konstruierte.
Platon hatte ein Gedankenexperiment aufgestellt, in dem Menschen von ihrer Geburt an ihr ganzes Leben in einer Höhle sitzen, mit einem Feuer hinter sich.
Zwischen dem Feuer und ihrem Rücken werden Objekte vor dem Feuer herumgetragen, deren Schatten dann auf der Höhlenwand zu sehen sind, welche die Menschen ihr ganzes Leben lang anstarren.
Sie drehen sich nie um, sehen niemals das Feuer und die Objekte selbst, sondern kennen ihr ganzes Leben lang nur die Schatten. Das ist die einzige Wirklichkeit, die sie kennen. Und so haben sie nie einen Grund, anzuzweifeln, dass das, was sie auf der Wand sehen, die Wirklichkeit ist und nicht nur ein Schatten von etwas, von dessen Existenz sie nicht einmal etwas ahnen.
Die Mittel- und später die Neoplatoniker interpretierten dieses Gedankenexperiment sehr direkt:
Laut ihnen gab es zwei Welten, eine Materielle und eine Spirituelle.
Die materielle Welt war dabei eigentlich gar nicht wirklich real, sondern nur ein unvollkommenes Abbild der vollkommenen Spirituellen.
Auch wenn die materielle Welt unvollkommen war und es in ihr Leid, Schmerz und Tod gab, verführte sie die Menschen mit den Verlockungen fleischlicher Genüsse.
Gutes Essen, der Rausch des Alkohols, Sex und andere körperliche und materielle Freuden.
Die meisten Menschen waren aus ihrer Sicht wie Drogenabhängige durch diese Verlockungen in der unvollkommenen materiellen Welt gefangen.
Um sich aus ihr zu befreien und in die wahre, vollkommene spirituelle Welt gelangen zu können, müsse man diesen körperlichen Begierden entsagen und ein Leben in Askese und geistigen Übungen führen, um das Bewusstsein auf die spirituelle Welt zu lenken.
Das junge Christentum wurde SEHR stark von dieser philosophischen Strömung der Spätantike beeinflusst, viele ihrer Schriften blieben lange Standardwerke an christlichen Universitäten.
Auch wenn das Christentum die materielle Welt nicht komplett als böse und als Illusion abtun wollte (galt sie doch als Schöpfung Gottes, die ursprünglich als Heimat für die Menschen gedacht war). Aber die neoplatonistische Lehre passte sehr gut zur Geschichte der Vertreibung aus dem Garten Eden.
Die Menschen gaben den Verlockungen ihrer fleischlichen Begierden den Vorzug davor, den Willen Gottes zu tun und in Gebet, Studium und Meditation sein Wesen zu begreifen.
Und das hielt sie in der Ursünde fest.
Einige christliche Sekten wie etwa die der Katharer gingen sogar voll in die neoplatonische Richtung und betrachteten den Gott des alten Testaments, der die Erde geschaffen hatte, als böse und identisch mit dem Teufel des neuen Testaments.
Der Gott des neuen Testaments hingegen sei identisch mit dem Teufel des alten Testaments, der die Menschen dazu ermuntert hatte, vom Baum der Erkenntnis zu essen, Gottes Aussagen zu hinterfragen und so die wahre spirituelle Welt zu sehen, aus der der böse Gott ihre Seelen entführt und in physische Körper gesperrt hätte.
Solche Lehren und die dazugehörigen Bewegungen wurden von der Amtskirche bekämpft, aber das sie immer wieder auftauchten zeigt, wie tief verwurzelt die philosophische Wurzel dieser dualistischen Idee im Christentum war.
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Okay, und was hat das jetzt alles mit Sex zu tun?
Aus Sicht der Neoplatoniker und auch der katholischen Theologie gab es kaum ein fleischliches Verlangen, das so stark war und Menschen so sehr von der Hinwendung zum Spirituellen ablenken konnte, wie den Sexualtrieb.
Bevor man irgendeine Chance haben konnte, die Hinwendung zur spirituellen Welt zu schaffen, musste dieser starke Trieb und dieses starke Verlangen unter Kontrolle gebracht werden, anstatt dass man sich davon kontrollieren ließ.
Idealerweise sollte man nach dieser Regel überhaupt keinen Sex haben.
Aber da das nicht für jeden eine Option war und viele Menschen ja eine Verpflichtung hatten, den Fortbestand der Familie zu sichern, sollte Sex, wenn man ihn denn hatte, nur zum Zwecke der Fortpflanzung geschehen und dann so kurz und genussfrei wie irgendmöglich.
Gleichgeschlechtlicher Sex war nach dieser Logik natürlich schlecht, aber ebenso jede Art Sex, die keine Schwangerschaft nach sich ziehen konnte oder von der man auch nur dachte, dass die Chance auf eine Schwangerschaft geringer war, als bei anderen Arten.
Oral- und Analverkehr zwischen einem Mann und einer Frau war demnach in dieser Vorstellung genau so abzulehnen und zu verurteilen, wie es gleichgeschlechtlicher Sex war.
In deutlich geringerem Ausmaß galt das auch für sämtliche Stellungen beim vaginalen Sex außer der Missionarsstellung, welche als diejenige mit der höchsten „Befruchtungswahrscheinlichkeit“ galt.
All dies wurde mit dem Begriff „Sodomie“ zusammengefasst, der also für weit mehr galt, als nur für Homosexualität. Selbst Sex mit Tieren zählte darunter.
Nocheinmal, weil es wirklich wichtig ist: Diese Einstellung zum Sex stammt aus der griechischen Philosophie und wurde vom Christentum nur übernommen!
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Die Realität sah selbstverständlich sowohl im alten Griechenland und Rom, als auch im mittelalterlichen Europa anders aus:
Hätten sich alle Christen während des Mittelalters an die lange Liste von Tagen gehalten, an denen man offiziell keinen Sex haben durfte, weil bedeutende christliche Feiertage auf ihnen lagen… das immense Bevölkerungswachstum der Epoche hätte wohl nicht funktioniert.
Die teils SEHR ins Detail gehenden Inhalte von Liedern, fiktiven Geschichten oder Bildern aus der Zeit lassen ebenfalls sehr deutlich erkennen, dass die Einstellung der meisten Menschen zu Sex nicht von frommer Enthaltsamkeit und von der Betrachtung der Sexualität als reines Mittel zum Zwecke der Fortpflanzung bestimmt wurden.
Die mittelalterlichen Studentenlieder der „Carmina Burana“ müssen sich in der drastischen Beschreibung von Sex und sexuellen Eroberungen nicht vor heutiger populärer Jugendmusik verstecken.
Ebenso würden einige der Geschichten in Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ nicht besonders auffallen zwischen den sexuellen Geschichten, die junge hormongeschwängerte Autor*innen auf Fanfiction-Webseiten wie AO3 veröffentlichen.
Es gibt Messergriffe, Kämme und aus dem Spätmittelalter sogar Aufnäher aus Zinn, die sehr explizite sexuelle Szenen darstellen.
In der Vergangenheit ist das oft irgendwie magisch interpretiert worden, aber ich sehe die Entsprechung zu Jugendlichen meiner Generation, die sehr explizit sexuelle Bilder als Hintergrundbild auf ihren Handys hatten oder heutige Leute, die sehr explizit sexuelle Inhalte auf Social Media teilen.
Eine Mischung aus bewusster Grenzüberschreitung und dem „Schockieren“ von Sittenwächtern, um sich selbst als wagemutig und cool darzustellen und einem sehr offenen Statement, dass man ein sexuelles Wesen ist.
Beides ist gerade für junge Männer und männliche Jugendliche, für die sexuelle Reife und Aktivität ein klares Statussymbol ist, sehr wichtig.
Und selbst bei jenen, die eigentlich alles sexuellen Gelüsten entsagen sollten, bei Priestern, Mönchen, Nonnen und anderen religiös lebenden Menschen, haben wir nicht nur Quellen über bei der Beichte gestandene sexuelle Fantasien und Gelüste, sowie über Regeln, nach denen möglichst kein Mitglied der Gemeinschaft lange genug irgendwo allein sein sollte, um Unzüchtiges tun zu können, sondern auch eine große Sammlung an Beschreibungen von Visionen, die SEHR sexuell in ihrem Inhalt und ihren Bildern waren.
Von Klerikern, die die Milch der Erkenntnis direkt von der Brust der Gottesmutter tranken, zu Nonnen, die bei der Eucharistie die Vorhaut Jesu auf der Zunge spürten oder in der Nacht nach ihrer Aufnahme in die Gemeinschaft eine „Hochzeitsnacht“ mit Christus, inklusive allem was dazugehört, träumten.
Lange gab es lange Bußkataloge, in denen detailliert die verschiedensten verbotenen sexuellen Praktiken alleine oder mit Partner(n) beschrieben wurden, mitsamt der dafür fälligen Buße.
Diese Listen wurden nicht nur bei Predigten vorgelesen sondern auch bei der Beichte Abgefragt:
„Hast du getan, was andere Frauen/Männer getan haben? Hast du [hier sexuelle Praktik einfügen]? Dann musst du XYZ tun, um Buße zu leisten.“
Im 11ten Jahrhundert wurden das Vorlesen dieser Listen, ob in der Predigt oder im Beichtstuhl, offiziell abgeschafft, weil man zu der sehr einleuchtenden und irgendwo auch offensichtlichen Erkenntnis gekommen war, dass man die Leute damit nur auf neue Ideen brachte.
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Prostitution existierte im gesamtem Mittelalter mehr oder weniger offen und akzeptiert.
Die wegweisende Aussage dazu kam vom Kirchenvater Augustinus, der das Bordell in einer Stadt mit der Latrine in einem Palast verglich:
„Es ist ein schmutziger Ort, aber ohne ihn wäre der gesamte Palast schmutzig.“
Wenn man den sexuellen Drang vor Allem junger unverheirateter Männer nicht komplett kontrollieren und unterdrücken konnte, dann musste man ihn eben wenigstens in geregelte Bahnen lenken.
Damit sollte auch verhindert werden, dass „ehrbare“ Frauen sexuell bedrängt oder junge unverheiratete Frauen und Mädchen schwanger wurden (was natürlich trotzdem all zu oft geschah).
Gerade für junge Männer war die Situation schwierig, da die mittelalterliche Gesellschaft eigentlich erwartete, dass ein Mann in der Lage war, seinen eigenen Haushalt und damit auch seinen eigenen Hof, seine eigene Werkstatt oder sein eigenes Geschäft zu gründen, bevor er heiraten konnte.
Angestellte Arbeiter lebten normalerweise im Haus ihres Arbeitgebers und dieser musste einer Ehe zustimmen und sich bereit erklären, die Ehefrau und aus der Ehe resultierende Kinder bei sich aufzunehmen und zu versorgen.
Das taten nicht viele Arbeitgeber, und die jungen Arbeiter, die trotzdem geheiratet hatten, sahen sich mit der Situation konfrontiert, mit ihrem Lohn eine kleine Behausung finanzieren und ihre Familie ernähren zu müssen… weshalb solche Familien auch im Mittelalter oft Doppelverdiener sind, mit der Ehefrau und Mutter als Dienstmagd oder Hilfsarbeiterin in einem fremden Haushalt.
Aus all diesen Gründen wurde Prostitution als „notwendiges Übel“ toleriert und man gab sich nur Mühe, sie zu kontrollieren und in geregelte Bahnen zu lenken.
Die realen Lebensbedingungen von Prostituierten decken eine gigantische Bandbreite ab, von Straßen- und Bettel-Prostitution bis hin zu den Mätressen großer Fürstenhöfe. Mit allem dazwischen.
Und diese sehr unterschiedlichen Formen von Prostitution wurden auch vom Gesetz und der öffentlichen Verwaltung sehr unterschiedlich behandelt und eingeordnet.
Grundsätzlich kann man sagen, dass die Obrigkeit meist Straßen- und Gelegenheitsprostitution mehr oder weniger intensiv bekämpften, Bordelle, die sich leichter beaufsichtigen und regulieren ließen.
Gelegenheitsprostitution als „Nebenerwerb“ für Frauen, die eigentlich hauptberuflich etwas anderes taten war ein extrem großer Teil dieses „Wirtschaftszweiges“. Besonders Müllerstöchter besaßen in der spätmittelalterlichen Gesellschaft den zweifelhaften Ruf, dieser Nebenbeschäftigung häufig nachzugehen. Das mag aber mit dem allgemein sehr schlechten Image von Müllern in dieser Zeit einhergehen.
Mittelalterliche Badehäuser werden heute oft mit Bordellen in Verbindung gebracht oder sogar gleichgesetzt (im Videospiel Kingdom Come Deliverance zum Beispiel ist jedes einzelne Badehaus auch ein Bordell). Und das ist nicht ganz falsch… aber auch nicht richtig.
Es gab Badebordelle, aber diese wurden genau so scharf von „ehrbaren“ Badehäusern unterschieden, wie wir heute zwischen Saunas und Saunaclubs unterscheiden.
In manchen Orten mussten sich Sexarbeiterinnen besonders kenntlich machen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegten.
Entgegen dem heute verbreiteten Klischee bestand diese Kenntlichmachung aber nicht überall (und noch nicht einmal besonders häufig) aus gelber Kleidung.
Stattdessen konnten es je nach Ort völlig unterschiedliche Merkmale sein:
Ein Mantel, ein auf die Kleidung aufgenähter Streifen oder Fleck oder ein umgebundenes Tuch in einer bestimmten Farbe, bestimmte Formen von Kopfbedeckungen, Schuhen oder Schminke.
Vielfach nutzten die Obrigkeiten die Möglichkeit, bestimmte Modeströmungen, die sie nicht verbieten konnten, einfach zu Kennzeichnungen für Prostituierte zu erklären, damit ehrbare Bürgerinnen aufhörten, sie zu tragen.
Eine aus heutiger Sicht besonders skurrile Aufgabe, die Prostituierte wahrnehmen konnten, war die Überprüfung der Zeugungsfähigkeit von Männern.
Impotenz war einer der wenigen Gründe, die nach katholischem Recht eine Scheidung rechtfertigten.
Wenn eine Frau erklärte, ihr Mann sei nicht in der Lage, seinen „ehelichen Pflichten“ nach zu kommen, konnten die Prostituierten des Ortes vom Gericht angewiesen werden, zu testen, ob der Ehemann tatsächlich körperlich nicht in der Lage zum Akt war.
Eine andere wichtige Funktion bestand darin, ehrbare Frauen auf verschiedene Arten zu beraten.
Etwa, indem sie Frauen, denen ein Heiratsantrag gemacht worden war, darüber informierten, wie der potentielle Ehemann sich beim Sex mit ihnen benahm und wie es um seine Potenz bestellt war.
Oder indem sie Frauen zu Themen sexueller Gesundheit und Hygiene berieten.
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Für Frauen stand diese Möglichkeit des „Druckabbaus“ nicht zur Verfügung… zumindest war sie nicht im Ansatz so toleriert, wie sie es bei den Männern war.
Auch wenn ich immer wieder betone, dass Frauen im Mittelalter deutlich mehr Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten hatten, als oft geglaubt wird und in vielen Punkten sogar mehr, als Frauen in vielen anderen Zeiten und Gesellschaften (darunter auch den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg in Westdeutschland) sie hatten… ändert das selbstverständlich nichts daran, dass die mittelalterliche Gesellschaft trotzdem immer noch eine patriarchale war und Frauen primär als Untergebene und Besitz ihres Vaters, Ehemannes oder sonstigen männlichen Familienoberhauptes gesehen wurden.
Eine Frau einer anderen Familie als Braut für einen ihrer Söhne anbieten zu können, war ein extrem wertvolles Gut für eine Familie, woraus sich großer Gewinn schlagen ließ.
Und eine Frau, die nicht mehr Jungfrau war, verlor in diesem System massiv an „Marktwert“, so hart es klingt.
Zudem war die Furcht groß, dass eine Frau schon kurz vor der Hochzeit von einem anderen Mann schwanger werden und das Kind ihrem neuen Ehemann als Produkt der Hochzeitsnacht unterschieben könnte.
Sowie allgemein die Angst, dass eine Frau fremdgehen und ihrem Mann das aus dem Seitensprung resultierende Kind als seines verkaufen könnte.
Aus diesen Gründen wurde die Sexualität von Frauen sehr viel stärker reguliert und kontrolliert, als die von Männern (und darin liegt der Unterschied zwischen den bis heute sehr unterschiedlichen Maßstäben begründet, an denen sexuelle „Unmoral“ bei Männern und Frauen meist gemessen wird).
Das bedeutet natürlich nicht, dass Frauen nicht außerhalb der Ehe Sex hatten.
Die gesamte Kunstrichtung der Minne besteht aus einem Poeten, der einer deutlich über ihm stehenden Frau seine Liebe erklärt und beklagt, dass sie ihn nicht erhört.
Bei der hohen Minne bleibt es dabei… bei der niederen Minne hingegen erhört sie ihn.
Diese Lieder sprechen oft davon, dass die beiden auf gar keinen Fall erwischt werden dürfen.
Bei der besonderen Unterform des sogenannten „Wächterliedes“ singt ein treuer Wächter darüber, dass der Morgen kommt und er seine Dame und ihren Geliebten leider warnen und dadurch voneinander trennen muss, damit sie nicht in gigantische Schwierigkeiten kommen.
Natürlich handelt es sich hier um fiktive Werke, aber deren immense Beliebtheit sagt einiges darüber aus, dass hier durchaus ein realer Kern hinter der Fiktion steckte.
Der „Menagier de Paris“ aus dem späten 14ten Jahrhundert weist eine Hausherrin an, ihre weiblichen Angestellten in einem Raum schlafen zu lassen, dessen Fenster zu schmal zum herausklettern ist und aus dem sie nur durch das Schlafgemach der Herrin heraus kommen.
Alles, um zu verhindern, dass die jungen Frauen sich auf sexuelle Abenteuer einließen und sich dadurch ihre Zukunft verbauten.
Kirchliche Quellen belegen, dass Friedhöfe und selbst Kirchengebäude(!) beliebte Treffpunkte für Stelldichein waren.
Orte, an denen man zu bestimmten Zeiten halbwegs sicher sein konnte, dass sich dort niemand aufhalten würde, die aber trotzdem frei zugänglich waren.
Für die Kirche war dieser Frevel natürlich ein Riesenproblem aber es ist bezeichnend, dass es scheinbar oft genug passierte, dass man darüber schreiben musste.
Es gibt Arbeiten, die Stichpunktartig Hochzeitsdaten und die Taufe des ersten Kindes aus dieser Hochzeit aus verschiedenen mittelalterlichen Kirchenbüchern verglichen haben, mit dem Ergebnis, dass etwa jede dritte Braut ein gefülltes Bonbon war.
Nicht so selten wird wohl das Geständnis gegenüber der Familie, dass die Tochter schwanger war, in einer schnellen Hochzeit mit dem Vater geendet haben, um der Familie die Schmach zu ersparen
(Die klassische „Schrotflintenhochzeit“ also, die wir auch noch aus der deutlich jüngeren Vergangenheit kennen).
Idealerweise sollten verheiratete Paare eine „Josephsehe“ führen, also niemals miteinander Sex haben.
(Nach katholischer Tradition war Maria nicht nur Jungfrau, als sie mit Jesus schwanger wurde, sondern blieb ihr ganzes Leben lang Jungfrau, hatte also niemals Sex mit ihrem Ehemann Joseph. Jesu in der Bibel genannte Geschwister sollen demnach alle aus einer früheren Ehe Josephs stammen, weshalb dieser in mittelalterlichen Darstellungen der heiligen Familie auch immer deutlich älter ist, als die junge Maria.)
Das war aber natürlich für die allermeisten Ehen nicht realistisch.
Und selbst das Ideal nur und ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung miteinander Sex zu haben, wurde als in der Praxis für die Meisten zu hart verstanden.
So galt, man dürfe durchaus auch miteinander Verkehr haben, „um das Verlangen des Fleisches zu stillen“, insbesondere wenn man fürchtete, dass der vernachlässigte Ehepartner sonst anderswo Linderung suchen und sich so durch Ehebruch versündigen könnte, müsse das aber auf eine Art und Weise tun, bei der eine Empfängnis zumindest möglich war.
Es gibt aus dem Spätmittelalter Hinweise auf lange Nachthemden für Mann und Frau, die nur ein Loch im Schritt für den Geschlechtsverkehr besaßen, damit Paare möglichst freudlosen Sex als rein sachlichen Akt der Fortpflanzung haben konnten, ohne sich dabei nackt sehen zu müssen…
Diese Kleidungsstücke waren aber, wenn sie überhaupt je getragen wurden, etwas für einige wenige religiöse Eiferer.
Die meisten Bilder aus der Epoche, die Menschen beim Sex zeigen (und davon gibt es tatsächlich nicht wenige. Auch und gerade in Bibelillustrationen), zeigen beide Partner nackt.
Und die Schriftquellen aus dem Mittelalter, die über Sex sprechen, sprechen in drastischer Mehrheit schon sehr klar davon, dass auch die Menschen damals Spaß am Sex und Sex zum Spaß hatten.
Auch wenn sie sich damit technisch gesehen versündigten.
Aber das war ja nun nichts, was man nicht bei der Beichte und der Kollekte wieder ausbügeln konnte…
Da schon sexuelle Praktiken, die eine Empfängnis verhinderten oder auch nur weniger wahrscheinlich machten, verboten waren, galt das natürlich noch um so mehr für Verhütungsmittel und ganz besonders für Abtreibungen.
Aber auch hier gab es Graustufen und Kompromisse mit den Erfordernissen des realen Lebens:
Abtreibung galt immer als Sünde (wobei es unterschiedliche Ansichten gab, ab der wievielten Woche der Fötus als beseelt und die Abtreibung demnach nicht nur als Sünde, sondern als Mord galt).
Aber viele Autoren theologischer, kirchenrechtlicher und medizinischer Werke sehen ein, dass es Situationen gab, in denen sich eine schwangere Frau zu diesem Schritt gezwungen sah und in denen aus ihrer Sicht gewichtige „mildernde Umstände“ vorhanden waren, die aus einer sehr schweren eine lässliche Sünde machten:
Frauen etwa, die vergewaltigt worden waren und Entehrung und Verbannung fürchteten, wenn das herauskäme.
Oder Frauen, deren Leben durch eine Schwangerschaft in Gefahr gebracht wurde.
Oder Frauen, die sich schlicht kein weiteres Kind leisten konnten.
Es gibt durchaus Quellen für Frauen, die ihr Kind aus Ermangelung von Verhütungsmitteln und Abtreibungsmöglichkeiten austrugen und dann entweder aussetzten (im günstigsten Falle ganz Klischeehaft an einer Kirchen- oder Klosterschwelle. In leider viel zu vielen Fällen irgendwo im Wald), oder es im Bett „aus Versehen im Schlaf“ erstickten.
Um zu verhindern, dass eine Frau durch Not und Verzweiflung zu solch einer Tat getrieben wurde, hielten viele Autoren eine Abtreibung oder eine Form der Verhütung für das geringere Übel und demnach eine lässliche Sünde.
Es gibt einige Medizintraktate, die Rezepte für Medikamente enthalten, die offiziell dafür da sind, eine Regelblutung auszulösen, wenn diese aufgrund einer Krankheit allzu lange ausblieb… mit einer ausdrücklichen Warnung, dass diese Medikamente bei einer Schwangeren zu einem Abbruch der Schwangerschaft und einem Verlust des Kindes führen könnten.
Viele moderne Historiker*innen vermuten, dass hier Frauen unter der Hand eine Möglichkeit gegeben wurde, heimlich eine Schwangerschaft abzubrechen (insbesondere, wenn noch niemand außer ihnen selbst und vielleicht der Hebamme davon wusste), ohne das ganz offen auszusprechen.
Andere Texte sind da sehr viel offener und erklären detailliert, wie man einen Schwangerschaftsabbruch durchführt und unter welchen Umständen er ihrer Ansicht nach verzeihlich ist.
Wir müssen hierbei aber immer bedenken, dass die Quellenlage zu einem solchen Thema, das sowohl gesellschaftlich als auch rechtlich brisant war, SEHR dünn ist und wir uns sehr hüten sollten, all zu verallgemeinernde Schlüsse und absolute Aussagen aus diesen wenigen Quellen zu ziehen.
Es gibt gleichzeitig selbstverständlich auch jede Menge Autoren, die jede Form von Abtreibung und Verhütung unter JEDEN Umständen aufs Schärfste verurteilen.
Für Kondome gibt es im Mittelalter einige wenige isolierte Quellen, aber sie scheinen nicht sehr verbreitet gewesen zu sein.
Sehr viel häufiger war die Methode für Frauen, sich sofort nach dem Sex sehr gründlich auszuwaschen und so viel Sperma wie möglich heraus zu spülen.
Diese Methode war selbst im 18ten und 19ten Jahrhundert unter Prostituierten noch weit verbreitet und reduzierte nach Quellen aus dieser Zeit das Risiko einer Schwangerschaft zumindest erheblich.
Zuletzt gibt es Rezepte für Kräutermischungen, die entweder oral eingenommen oder mit einem Schwamm aufgesaugt werden sollten, welcher dann vor dem Sex in die Vagina gesteckt werden sollte, um als eine Mischung aus einem Pessar und einer medikamentösen Verhütung zu funktionieren.
Hier war der Übergang zwischen Verhütung und frühem Schwangerschaftsabbruch fließend.
Die mit Abstand häufigste Art der Verhütung aber war es, Sex an den Tagen zu haben, an denen eine Frau nicht schwanger werden kann.
Theoretisch sind das alle Tage im Monatszyklus außer dem Tag des Eisprungs und drei Tage danach.
ABER: In der Praxis lässt sich der genaue Tag des Eisprunges gar nicht so leicht mit wirklich 100%iger Sicherheit messen, geschweige denn berechnen.
Mit den im Mittelalter gebräuchlichen Faustregeln zur Berechnung des Eisprunges und den hausmedizinischen Regeln, woran man den Eisprung erkennen könne, konnte man sehr leicht daneben liegen.
Diese Verhütungsmethode reduzierte die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zwar erheblich, bot aber keinen 100%igen Schutz.
Da sie von allen Verhütungsmethoden von der Kirche noch am ehesten geduldet wurde, war sie trotzdem bis WEIT in die jüngere Vergangenheit sehr beliebt und hat deshalb und wegen ihres hohen Restrisikos auch den Spitznamen „vatikanisches Roulette“.
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Wie oft eine durchschnittliche Frau im Mittelalter schwanger war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.
Frauen, die quasi von der Hochzeit bis zum Klimakterium fast durchgehend schwanger waren, gab es nachweislich, aber es war absolut nicht die Regel.
Bei einer Kindersterblichkeit von 50% und im Schnitt 2-3 Kindern pro Ehepaar, die das Erwachsenenalter erreichten, kann man großzügig geschätzt von 5-7 Schwangerschaften ausgehen.
Was aus heutiger Sicht natürlich eine Menge ist, aber doch nochmal komplett etwas anderes als „sobald ein Kind geboren ist, beginnt die nächste Schwangerschaft“.
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Theoretisch galten Jungen mit 14 und Mädchen mit 12 als heiratsfähig und damit geschlechtsreif (und ich spreche hier bewusst von „Jungen und Mädchen“, nicht von „Männern und Frauen“).
In der Realität aber lag das durchschnittliche Heiratsalter für Frauen bei Anfang 20 und für Männer bei Ende 20.
Teenagerehen kamen vor, vor Allem in der Oberschicht, wo dynastische Bündnisse durch diese Ehen möglichst schnell besiegelt werden sollten (hier gab es sehr vereinzelt sogar noch deutlich jüngere Vermählungen), aber diese Ehen wurden normalerweise erst vollzogen, wenn beide Partner ein gutes Stück älter waren.
(Auch wenn es Ausnahmefälle von sehr jungen Müttern nachweislich gab.
Etwa Margaret Beaufort, die im Januar 1457 mit 13 Jahren und schon verwittwet den späteren englischen König Henry Tudor zur Welt brachte.)
Schon allein weil medizinische Traktate vor zu jungen Schwangerschaften warnen, die nicht nur lebensgefährlich für Mutter und Kind sind, sondern auch in dem Fall dass beide überleben zu einer dauerhaften Unfruchtbarkeit führen können.
Auch wenn die Motivation also eher in nüchternem Pragmatismus lag, durften die meisten Menschen im Mittelalter trotzdem eine in zumindest dieser Hinsicht „unschuldige“ Kindheit haben.
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Das Thema Transgeschlechtlichkeit ist eines, das ich hier abschließend nicht komplett unerwähnt lassen möchte, auf das ich aber auch nicht wirklich tief eingehen werde.
Teilweise, weil ich mich noch nicht umfassend genug mit diesem Thema beschäftigt habe, um wirklich fundiert darüber sprechen zu können, teilweise auch, weil die Forschung zu diesem Thema gerade erst wirklich begonnen hat und ich es bevorzuge, in meinen Blogposts nur Aussagen zu treffen, die ich guten Gewissens als gesicherten und allgemein akzeptierten Stand der Forschung präsentieren kann (in den seltenen Fällen, wo ich eigene Spekulationen und Theorien vorstelle, bemühe ich mich, das sehr ausdrücklich klar zu machen).
Deshalb sei hier nur gesagt, dass es tatsächlich einzelne Beispiele für Menschen gibt, die sich im Mittelalter als ein anderes Geschlecht identifizierten als das, welches ihnen bei der Geburt zugewiesen worden war.
Die offen als dieses Geschlecht lebten und teilweise sogar von ihrer Umgebung als eine Person dieses Geschlechtes anerkannt oder zumindest nicht dafür verfolgt und bestraft wurden.
Es gibt Hinweise, die möglicherweise so interpretiert werden könnten, dass Menschen, die als ein anderes Geschlecht als das ihnen bei der Geburt Zugewiesene lebten und die diese Rolle voll und ganz annahmen, mit allem, was damit einherging, und die vor Allem in dieser Rolle blieben, eventuell eher toleriert und akzeptiert wurden, als Menschen, die sich als ein Geschlecht identifizierten, aber Verhalten zeigten (sexuell und anderweitig), das aus damaliger Sicht und nach damaligen gesellschaftlichen Normen dem Rollenbild eines anderen Geschlechtes entsprach.
(Ich hoffe, die extrem vorsichtige Art und die vielen Konjunktive, mit denen ich das formuliert habe, stellen klar, wie spekulativ und unsicher diese These ist, auch wenn es durchaus Quellen gibt, die in diese Richtung deuten)
Ich werde im Anschluss ein paar weitere Informationsquellen (vor allem einen sehr vielversprechenden jungen Youtube-Kanal) verlinken.
Natürlich gilt auch hier, wie schon vorhin bei einem anderen Thema gesagt:
Die Quellenlage ist extrem dünn und die Quellen, die wir haben, sind alles andere als eindeutig.
Das mittelalterliche Verständnis von Sex, von Sexualität, sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität funktionierte so komplett anders, als unser heutiges es tut, dass wir beides einfach nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen geschweige denn gleichsetzen können.
Es können durchaus Vergleiche gezogen werden (nur eben nicht 1 zu 1), aus denen man viel Wertvolles lernen kann, aber man muss sich dem komplett anderen Kontext und dem komplett anderen Verständnis des gesamten Themas zu der Zeit eben immer bewusst sein.
Kein Mensch im Mittelalter würde etwas mit unseren heutigen Definitionen von Hetero-, Homo- oder Bisexualität anfangen können. Und selbst die Menschen, die als ein anderes Geschlecht lebten und sich als ein anderes Geschlecht identifizierten, als jenes, das ihnen bei der Geburt zugewiesen worden war, hätten sich nicht als trans definiert. Nicht nur, weil es das Wort noch nicht gab, sondern weil ihr Verständnis von Geschlechtsidentität ein völlig anderes war, als unser heutiges.
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Weiterführende Informationen:
Ein kurzes aber spannendes Video über eines der bekanntesten Beispiele für eine möglicherweise transgeschlechtliche Person im Mittelalter: Eleanor/John Rykener.
https://youtu.be/yyP3ukj4iEs?si=QRuI30SkMPfD-xfP
Der tatsächlich sehr gute Wikipedia Artikel zu Rykener, der deutlich mehr ins Detail geht:
https://en.wikipedia.org/wiki/John/Eleanor_Rykener
Ein relativ neuer aber sehr vielversprechender Youtube-Kanal zum Thema LGBTQ in der Geschichte, auf dem im Moment noch nicht viel zu sehen ist, den es sich aber trotzdem schon jetzt zu abonnieren lohnt:
https://www.youtube.com/@AvacadoHistory/videos
Ein sehr unterhalsames Video der großartigen Historikerin Elanor Janega zum Thema:
https://youtu.be/R8JPN9tWVPQ?si=QXBt6Ilq22t6Qwe5
Aktuell DAS Standardwerk zu diesem Thema von einer Autorin, die allgemein hervorragende Vermittlungsarbeit zu einer Menge Themen mittelalterlicher Geschichte macht:
„The Very Secret Sex Lives of Medieval Women: An Inside Look at Women & Sex in Medieval Times (Human Sexuality, True Stories, Women in History)“
Von Rosalie Gilbert
ISBN-10 : 164250307X
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